Kein Public-Viewing für mich - ein Schuldbekenntnis
08. Juni 2008, 12:40 Uhr
Jochen Stoephasius
Public-Viewing, das denglische Wort des Jahres 2006, ist heute verpönt. Nicht etwa ein findiger Linguist sondern der Teenie-Radiosender 1LIVE hat herausgefunden, dass man damit jenseits des großen Ozeans das “öffentliche Totenschauen” im Sinne einer Abschiednahme am offenen Sarg bei Trauerfeiern bezeichnet. Die Redaktion bemühte sich sogar um sprachliche Alternativen. Gestern sagte man mir, dass “Massenglotzen” dabei herausgekommen sein soll. Diesen Ausdruck finde ich weniger “geil”, um mich einmal der 1LIVE-Sprache zu bedienen. Vielleicht sollte ich, der Germanist und nebenberufliche Anzeigentexter, mit einem besseren Vorschlag aufwarten, aber seit Tagen fällt mir leider kein werbewirksamer Begriff ein, so dass ich bei “Public-Viewing” bleiben muss. In den USA wissen die eh noch nicht so genau, was mit Fußball gemeint ist, also können die sich stattdessen weiterhin Tote anschauen.
Auch wenn diesen masseneuphorisierte Erlebnis auf Public-Viewing- Veranstaltungen ohne jeden Zweifel einmalig ist, vor allem bei Welt- und Europameisterschaften, muss ich darauf jedoch verzichten. Warum? Man erinnere sich an die WM 2006: Deutschland zog bekanntlich souverän und siegreich bis ins Halbfinale. Alle diese Spiele habe ich an ein und demselben Ort verfolgt, nämlich in der Wohnung eines Freundes bzw. in der damals noch nicht-renovierten Garage. Dann kam das wichtige Duell mit den Italienern und ich ging fremd, weil ich auch einmal Public-Viewing “erleben” wollte. Das Resultat ist bekannt, Deutschland unterlag unglücklich gegen den späteren Weltmeister und ich war Schuld. Das Spiel um Platz drei gewannen wir wieder - klar, denn ich zog wieder in die Wohnung von erwähntem Freund. Aber was war das noch wert für mich? Die Trauer und der Schmerz einer ganzen Fußballnation lagen auf meinen Schultern. Bis heute konnte ich nicht öffentlich darüber sprechen, musste sogar eine Therapie beginnen - OK, dass war jetzt gelogen…
Jedenfalls kann ich nur Besserung geloben und heute das Spiel gegen Polen wieder in privater Umgebung und in der mittlerweile renovierten und zum Partyraum ausgebauten Garage verfolgen. Hoffen wir, dass etwas dran ist an meinem Aberglauben und Deutschland gewinnt! Falls nicht, dann lag es sicherlich nicht an mir!
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08. Juni 2008, 13:07
Ist doch völlig OK - auch ich (nein wir) haben während der WM nicht einmal Public “geviewt” - Wir hatten immer Besuch, haben bei uns im Garten geschaut, bei den Nachbarn im Garten oder bei meinen Eltern im Garten - für mich jedoch auf jeden Fall eine Form des Public Viewing - dazu noch schöner und das Grillfleisch schmeckt auch besser :)
Schönen Sonntag!
08. Juni 2008, 13:47
http://www.sport.pl/sport/0,90654.html
08. Juni 2008, 23:15
[...] mein im letzten Artikel angesprochenes “magisches” Public-Viewing-Boykott-Ritual konnte man sich also wieder [...]
09. Juni 2008, 07:55
Ich bin dafür, dass wir dich während der ganzen EM in der Garage fest binden- dann kann nix mehr passieren!
EinsLive nennt das übrigens Rudelgucken und nich Massenglotzen ;)
09. Juni 2008, 08:18
Rudelgucken oder Massenglotzen - alles gleich blöd!
Da die Garage jetzt wieder einigermaßen sauber ist, zieh ich da gerne ein. Müsst mir nur vielleicht ne Campingdusche installieren. ;-)